„Aber wir werden Seite an Seite die Zeiten durchschwimmen und es wird schon gehen“
… schrieb Rosa Luxemburg an ihre Freundin Sophie Liebknecht, um ihr Mut zuzusprechen. Es ist ein Auszug aus einer riesigen Anzahl von Briefen, die sie bis zu ihrer Ermordung schrieb.
Der Veranstaltungsraum der Stadtbibliothek Herzogenried war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es mussten sogar einige unangemeldete Besucher abgewiesen werden. Die Anwesenden erlebten eine Veranstaltung, die alle Sinne berührte.




Bettina Franke, Schauspielerin an zahlreichen Theatern (auch in Mannheim), zeichnete in einer Collage aus Briefen, Reden und Aufsätzen klar und einfühlsam ein Bild dieser Sozialistin, Revolutionärin, Agitatorin der SPD und leidenschaftlichen Kriegsgegnerin. Sie zeigte eine Frau mit einer unbändigen Lust am Leben, einem geradezu unerschöpflichen Interesse an Freundschaften, Natur, Poesie, Malerei und Musik. Rosa Luxemburg nannte ihre Liebe zur Musik „grenzenlos“.

Laurent Leroi nahm das auf mit seinem Akkordeon auf, dem Instrument des Jahres 2026, indem er die vielfältigen Facetten von Rosa Luxemburg geradezu magisch in Klänge umsetzte.

Wer war Rosa Luxemburg?
Geboren 1871, wuchs Rosa Luxemburg in Warschau auf, besuchte als Kind jüdischer Eltern eine Schule, die eigentlich der russischen Elite vorbehalten war und beendete sie als Klassenbeste. Mit 17 Jahren ging sie an die Universität in Zürich, eine der wenigen zu dieser Zeit, in denen auch Frauen studieren durften. Sie studierte neben Staatswissenschaften und Nationalökonomie Botanik und Zoologie, konnte Polnisch, Deutsch, Russisch, Latein, Altgriechisch, Französisch – Englisch lesen und Italienisch verstehen.


Im September 1913 hielt Rosa Luxemburg mehrere Reden gegen Militarismus und Krieg, wurde daraufhin angeklagt wegen „Aufstachelung der Massen zum Ungehorsam“ und landete im Gefängnis. Die Anklage stützte sich auf die Behauptung eines Spitzels, den Satz gehört zu haben: „Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere französischen oder anderen Brüder zu erheben, dann rufen wir ‚Das tun wir nicht‘“.
Zwischen 1915-1918, mehr als 3 Jahre, sperrte man Rosa Luxemburg in Gefängnisse ein „zur Abwendung einer Gefahr für die Sicherheit des Reiches“.
Aber auch hier, an diesen ungastlichen Orten, blieben ihre Leidenschaften ungebrochen. Sie sammelte Blumen und Pflanzen – zu Hunderten. In 18 Hefte gepresst und penibel beschriftet, Gräser, Blüten, Blätter – alles, was sie fand oder was Freundinnen ihr ins Gefängnis brachten.
Die Singvögel vor den Gefängnismauern, wie die Kohlmeisen, hatten es ihr besonders angetan.
Auszüge aus Briefen von Rosa Luxemburg:
Brief an Leo Jogiches, mit dem sie eine intensive – und durchaus konfliktreiche – Liebesbeziehung verband:
„Es stimmt, ich habe verfluchte Lust, glücklich zu sein und bin bereit, Tag für Tag um mein Portiönchen Glück mit dumpfen Eigensinn zu feilschen.“
Briefe an Mathilde Jacob, mit der sie ein sehr vertrautes Verhältnis verband: „… innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl alles sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern.“
„Was ich lese? Hauptsächlich naturwissenschaftliche Pflanzen- und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen… Schritt für Schritt vernichten.“
Brief an ihre Freundin Luise Kautsky
„…Ich bin der Meinung, dass man einfach, ohne zu viel Schlauheit und Kopfzerbrechen, so leben soll, wie man es für recht hält…. Es wird sich schon alles zum Schluss finden. Und wenn nicht – ist mir ‚ooch schnuppe‘: ich freue mich ja auch schon so des Lebens, inspiziere jeden Morgen gründlich den Knospenstand auf all meinen Sträuchern, besuche jeden Tag ein rotes Marienkäferlein mit zwei schwarzen Pünktchen auf dem Rücken… beobachte die Wolken, wie sie stets neu und immer schöner sind, und – fühle mich im Ganzen nicht wichtiger als dieses Marienkäferlein und in diesem Gefühl meiner Winzigkeit unaussprechlich glücklich.“
Am 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin von Freikorpssoldaten ermordet, unter dem Kommando von Waldemar Pabst, „um Deutschland vor dem Kommunismus zu retten“. Unbehelligt von Gerichtsprozessen starb er im Jahre 1970 in Düsseldorf.


Die Veranstaltung endete mit der „Internationale“ – nach Art der Kohlmeise von Laurent Leroi aus dem Akkordeon gezaubert. DANKE!
Noch etwas Biographisches: Rosa Luxemburg – Stationen ihres Lebens

Highlights sogar in der Pause!
Zur Pause hatten die Bibliothekarinnen der Stadtbibliothek Herzogenried – wie schon so oft – wieder einmal (gemeinsam mit ihren Helfer*innen) gezaubert! Alle in ihrer Freizeit und völlig ehrenamtlich! Sie servierten köstliche Dampfnudeln mit Vanillesauce oder toll gewürzter Kartoffelsuppe (selbstverständlich auch vegan oder mit Beilagen). Dazu gab´s selbstgebackenes, knuspriges Brot und Getränke aller Art sowie leckere selbstgemixte Cocktails mit und ohne Alkohol. Was das Herz halt so begehrt. Nach diesem Genuss eine tolle Basis für das zweite künstlerische Erlebnis des Abends.






Text: Irmgard Rother | Fotos Michael Baier (14) und Irmgard Rother (1) | Das Bild der Anemone mit freundlicher Genehmigung des Karl Dietz Verlages Berlin, entnommen aus: Evelin Wittich (Hsg.): Rosa Luxemburg Herbarium (2016), S. 239 | Bild Rosa Luxemburg: Wikipedia (gemeinfrei).





