„…die einzige deutsche Stadt, in der es nicht stinkt“
Das schrieb der russische Schriftsteller Nikolai Gogol im Juni 1844 an seinen Freund. Mehrere Monate hielt er sich in Mannheim auf und war rundweg begeistert. Warum das so war? Dieses und vieles mehr konnten die zahlreich anwesenden Besucher*innen der Veranstaltung am 3. Juli in unserer Herzogenried-Bibliothek, unterstützt vom Förderverein, erfahren.

Peter Koppenhöfer hat als ehemaliger Lehrer an der IGMH nach jahrelanger Recherche im Stadtarchiv aus seinem überbordenden Material 100 spannende Geschichten aus dem Zeitraum von 1800-1950 auf 365 Seiten in einem Buch veröffentlicht. Diese Geschichten sind Artikel, Kolumnen, Erzählungen, aber auch Gedichte, die er meist aus Mannheimer Zeitungen im Stadtarchiv ausgegraben hat. Sie erzählen von Mannheimern und Mannheimerinnen, die bisher wenig beachtet wurden – Schriftstellerinnen, Wäscherinnen, Betrügerinnen, politischen Aktivisten, Fabrikarbeitern und Tagelöhnern. Man fragt sich: Warum wurden so viel Geschichten, die doch wichtig sind für das Verständnis der Stadt, bisher in der Stadtgeschichtsschreibung vergessen? Dieses Manko konnte Peter Koppenhöfer mit seinem Buch – teilweise – ausgleichen.



Was sind typisch Mannheimer „Mentalitäten“?
Ist es eine spezielle Haltung? Ein eigenes Lebensgefühl mit typischen Verhaltensweisen? Ein Blick in die Geschichte unserer Stadt erklärt manches. Das Leben in den Quadraten – der Mannheimer Oppositionsgleist mit einer Neigung zur Erregbarkeit und zum Protest – das Mannheimer Nationaltheater als gemeinsamen Bezugspunkt – Gemeinsinn und Solidarität in schwieriger geografischer Lage: Diese „Mentalitäten“ finden sich in den 100 schriftlichen Zeitzeugnissen im Buch wieder. Und viele detaillierte Erklärungen zur Stadtgeschichte in diesem Zeitraum.
Vieles hat sich seitdem geändert, ich als „Zugewanderte“ entdecke aber auch heute noch in meiner Umgebung manche dieser „typisch Mannheimer Mentalitäten“.


8 dieser 100 Geschichten aus dem Buch wurden an diesem Abend vorgestellt. Mit den erforderlichen Erläuterungen von Peter Koppenhöfer nahmen sie durch das Vorlesen von Monika Gordt und Thomas Trüper Gestalt an:



- „bekannt als die verwegensten unter den hiesigen Proletariens“ – Hafenarbeiter gegen Handelsleute und Banker am 5. Mai 1847
- „ein schrecklicher Abend wie unsere Stadt seit 1849 keinen mehr erlebt hat“ – Der Mannheimer Bierkrawall 1873
- „der so berühmte Kurbrunnen“ – die schlechte Qualität des Mannheimer Grundwassers (Leserbrief im „Mannheimer Anzeiger am 25.8.1860
- „mit 15 Jahren Fausts Gretchen“ – Henriette Netter 1861 im Mannheimer Nationaltheater
- „als Arbeitertochter ins Theaterballett“ – Die Tänzerin Elfriede Schröder (1909-1969)
Regelrechte Lachsalven löste es im Publikum aus, wenn Monika Gordt in bestem Mannemerisch z.B. den „Fremdefihrer“ Jakob Strauß zu neuem Leben erweckte, der sich 1904 gereimt und ungereimt die Frage stellte „sinn nit scheener unser g’rade A, B, C, D Schtadtquadrate?“

Oder folgendes anonyme Gedicht vom 21. April 1888 zur Eröffnung der Wasserleitung und des Baus des Wasserturms:
„… Ihr liewe Kinner, kleene Leit,
Vun heit beginnt e neii Zeit,
E große Zeit fer unser Mannem.
Hee schmeckt’s euch denn? Gell, s’is was annem? Gell, s’is en wahrer Göttertrank?
Jetzt hewwe mern drum Gott sei Dank!
Die Veranstaltung konnte aus den eigenen Reihen des Fördervereins gestaltet werden. Sowohl Peter Koppenhöfer, als auch Monika Gordt und Thomas Trüper sind hier engagierte Mitglieder.


Das Buffet, das in der Pause genossen werden konnte, war köstlich und mit direktem Mannemer (Quadrate)-Bezug von Sabrina Liebner und Anuschka Schönichen, Mitarbeiterinnen unserer Bibliothek, äußerst liebevoll kreiert und serviert.



Das Buch ist im Buchhandel (ISBN 978-3-95505-560-8) oder MARCHIVUM zum Preis von 29,95 € erhältlich: Peter Koppenhöfer „Mannheimer Mentalitäten“.
Text: Irmgard Rother
Fotos: Michael Baier





